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erschienen im Buch: Systemische Erlebnispädagogik. Ziel-Verlag, Augsburg 2007, S. 56-70.

In diesem Exkurs lade ich ein auf eine Forschungsreise in den Bereich der Lösungen und Möglichkeiten. Lösen bedingt Handeln. Gleichzeitig ist die Lösungsorientierung eine Haltung, die sich in meinem pädagogischen und alltäglichen Handeln ausdrückt. 

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Lösung führt rasch zu dem wohltuenden, öffnenden und bisweilen rettenden Tunwort lösen. Es kann seine Bildhaftigkeit wohl besonders entfalten, wenn heilende Hände verkrampfte und verhärtete Muskeln lösen, wenn rettende Hände die Fesseln von Gefangenen lösen oder geduldige Hände die Knoten eines Wollknäuels lösen. Lösen bedingt handeln, bedingt Veränderung und einen Zustand oder Ausgangspunkt, der reif für Veränderung ist. Im pädagogischen und therapeutischen Kontext dreht sich das Lösen meist um Problemsituationen, Zustände der Unzufriedenheit und Krisen. Es geht um Lösungen von Anliegen.

Lösen bedingt Handeln

Auch in der Begleitung von Menschen ist Handeln von zentraler Bedeutung und auch das Lösen von Problemen ist wohltuend und öffnend, vielleicht manchmal sogar rettend. Lösungsorientierung ist indes eine Haltung, sie bedarf keiner aktuellen oder akuten Probleme, sie ist eine treibende Kraft, die Menschen mit ihrem Potenzial wahrnimmt, das eigene Leben glücklich zu meistern. Sie basiert auf einem Vertrauen in das Leben und dessen fließenden und wandelnden Charakter.

Lösungsorientierung ist aber gleichermaßen auch Methode und bietet viel praktisches Handwerkszeug. In diesem Exkurs lade ich ein auf eine Forschungsreise in den Bereich der Lösungen und Möglichkeiten. Lade ein, den Versuch eines Querschnittes durch lösungsorientierte Ansätze in der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung zu explorieren und Wirkungsmöglichkeiten in Praxisbeispielen zu entdecken. Vom Großen ins Kleine führt der Text von Gedanken rund um die Auswirkungen der lösungsorientierten Arbeit im pädagogischen Kontext, über eine Pendelbewegung zwischen Sprache und Handlung, hin zu Prinzipien und zur konkreten Technik lösungsorientierten Handelns, bis zur Einbettung in die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung.

Lösungen sind gesund

Time-out Schule und passage-moti sind zwei Programme, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Lösungen zu erarbeiten und diese zu realisieren. passage-moti integriert erfolgreich stellensuchende Jugendliche aus allen Bildungsschichten und Herkunftsländern nachhaltig in die Arbeitswelt. Die Time-out Schule bietet der Volksschule die Hand im Umgang mit betreuungsaufwändigen Schülerinnen und Schülern in schwierigen Situationen, mit dem Ziel einer Reintegration. Zwei Institutionen, die schon von der Anlage her Lösungen generieren sollen – nachhaltige Anschlusslösungen als Auftrag, persönliche Problemlösungen als Ziel.

Gerade in der Arbeit in diesen potenziellen „Problemfeldern“ und mit vorbelasteten Menschen scheint mir die eigene Ausrichtung besonders entscheidend. Für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen in solchen Programmen lassen sich einige Leitlinien etwa wie folgt formulieren: Wir versuchen, Probleme zu sehen und anzuerkennen, doch unsere Energie und Arbeitskraft richtet sich auf die gemeinsame Arbeit an Lösungsszenarien und deren konkrete Umsetzungen. 

Lösungen sind existent, sie sind im System vorhanden und werden oft als unscheinbare Ausnahmen beschrieben. Unsere Aufgabe ist die Suche nach diesem positiven Ausnahmezustand sowie schrittweise dessen Stärkung und Ausbau. Die nötigen Ressourcen zur Erreichung der Lösung sind ebenfalls im System vorhanden. Die Arbeit in der Begleitung ist das Sichtbarmachen, Aktivieren und Festigen dieser Ressourcen. Stellensuchende Jugendliche sind oft enttäuscht und desillusioniert; sie hängen im leeren Raum zwischen dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden und nichts zu können. Kinder, die in ein Time-out kommen, sind meist Symptomträger blank liegender Systeme. Die ausgesprochenen und mitunter auch lauthals verschwiegenen Androhungen von Schulausschluss und Heimplatzierungen werfen ihre Schatten über Familien, Klassen und Lehrkräfte.

Lösungsfokus – Silberstreif am Horizont

In diesen Situationen ist ein Standortgespräch mit Lösungsfokus, ein Aufzeigen von verschiedenen Möglichkeiten nicht selten der erste Silberstreif am Horizont seit langem. Das Suchen und Festhalten von vorhandenen Fähigkeiten, Talenten und Ressourcen, die Ausnahmen der alles überschattenden Problemwelt sind die Anknüpfpunkte, die für uns ein Miteinander oft überhaupt erst ermöglichen.

Die Überzeugung, dass es eine Lösung gibt, pflanzt sich wie ein Antikörper in ein krankmachendes Problemsystem.

In dieser Arbeit sind Ressourcen- und Lösungsorientierung nicht bloß Schlagworte und leere Hülsen, häufig sind dies die Grundlagen unserer Arbeit überhaupt. Unsere Behauptung und die feste Überzeugung, dass es irgendwo da draußen, respektive da drinnen, eine Lösung gibt, pflanzt sich wie ein Antikörper in ein krankmachendes Problemsystem. Die konsequente Fokussierung auf Erfolge und bereits bestehende oder noch zu entdeckende Ressourcen beschleunigen und sichern den „Heilungsprozess“.

Die Wirkung der systemischen Haltung ist wechselseitig, sie mobilisiert bei den Protagonisten Selbstwirksamkeitskräfte und Eigenverantwortung und fördert durch den Fokuswechsel vom Problem zur Lösung bei der professionellen Begleitung die Motivation und Freude an der Arbeit und wirkt so last but not least Burnout-prophylaktisch.

Zwischen Handlung und Sprache

Der systemisch lösungsorientierte Ansatz, wie er in die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung einfließt, ist geprägt von den konstruktivistischen Theorien Watzlawicks und wurde unter anderem ausformuliert, erforscht und erfolgreich angewendet von Insoo Kim Berg, Steve de Shazer u.a. Ein Credo der Systemischen Erlebnispädagogik ist die Handlungsorientierung und damit verbunden, so ist man versucht zu denken, eine gewisse Abkehr von der versprachlichten Welt. Die Systemische Erlebnispädagogik versucht jedoch den goldenen Mittelweg zu gehen, so wenig Sprache wie möglich, so viel als nötig. Und wenn schon Sprache, dann gezielt, effizient und im Sinne des Auftrages, also lösungs­orientiert. Die Sprache ist ein zu wirksames Instrument, um auf sie zu verzichten. Einmal abgesehen davon, dass auch dies bekanntlich Kommunikation wäre. In der Sprache liegt große Kraft und in gewissem Sinne ist unsere Identität immer auch Sprachidentität. Die Frage ist demnach nicht, ob sprechen, sondern was und wie?

Ein faszinierendes Lösungsexperiment gelang uns mit einer Teilnehmerin vom Motivationssemester, einer kecken, jungen Frau mit tragischer Biografie, langjähriger Heimkarriere, vielen Jahren Therapiererfahrung, Drogenkindheit und längerem Leben auf der Straße. In der Zeit im moti war sie clean und hatte ein funktionierendes Zuhause, sie war damals 22 Jahre alt und die Älteste der Gruppe. Sie hatte Charisma, war eine starke Persönlichkeit mit sturem Kopf, eisernem Willen, strahlendem Lachen und beachtlichen Führungstalenten.

10 initiatorische Minuten

Ihre Ressourcen setzte sie leider oft gegen die Leitung ein, sie wurde dann intrigant, extrem kritisch und mitunter sehr destruktiv. Es fiel ihr leicht, sich schnell eine entsprechende Oppositionsposition zu schaffen und weitere Teilnehmer um sich zu scharen, um dann auf Kollisionskurs zu steuern. Dieses Verhalten schien in langjährigem Umgang und Kampf mit Sozialpädagoginnen und Therapeuten gelernt, eine Strategie, die durch zahlreiche Verletzungen entstanden war. Gleichzeitig war sie jedoch auch fasziniert von unserem Programm, den neuen Möglichkeiten und unserem Umgang mit ihr und sie engagierte sich immer wieder fürs Gruppengeschehen. Irgendwie roch die Situation nach einem Schritt in die Erwachsenenwelt. In der Praktikumszeit konnten wir sie für einen Einsatz als Co-Leiterin für eine erlebnispäda­gogische Intensivwoche im Time-out gewinnen. Eine Funktion, die ihr genau diesen Ebenenwechsel abverlangte. Sie war schnell zu begeistern und ließ sich auf diese Erfahrung ein. Die Woche verlief nicht reibungslos, doch sie konnte sich immer wieder aufraffen und leistete wirklich gute Arbeit. Sie durchlief einen bewegenden Prozess, über den sie in Coachings erzählen konnte, und kam damit ihren selbst formulierten Zielen große Schritte näher.

Am eindrücklichsten für mich bleiben aber die ersten zehn Minuten; ihre Gegenüberstellung mit den ihrerseits unbändigen, frechen und destruktiven, aber auch verletzten und unsicheren Mädchen vom Time-out, sechs bis acht Jahre jünger, ähnliche Geschichten, ähnliches Potenzial. Diese Mädchen sahen in ihr jedoch nicht ein größeres Vorbild, son­dern irgendeine junge Sozi-Praktikantin, und so begegneten sie ihr. Zehn initiatorische Minuten! Sinnbild für handlungsorientiertes Arbeiten an Lösungen im erlebnispädagogischen Kontext ist für mich das Kanufahren. Wo sonst kann so lebensnah erfahren und erlebt werden, wie direkt sich die Fokussierung von Durchfahrten oder Hindernissen, von Lösungen oder Problemen auf unser Weiterkommen bzw. sogar auf unser Wohlbefinden auswirkt? Kein Fluss sollte ohne Kenntnis über die Schwierigkeitsstufen, über die Hindernisse und Schlüsselstellen befahren werden. Auf der Kanufahrt selbst müssen wir jedoch immer nach der Durchfahrt Ausschau halten, uns auf das fließende Wasser konzentrieren. Im Fluss sein, ist dann gleichbedeutend, wie sich in einem Prozess befinden. Es braucht die Fähigkeiten des Sich-Einlassens, sowie das Gewahrsein der Hindernisse mit der ständigen Ausrichtung auf die Durchfahrt.

Wenn wir mit Jugendlichen aus passage-moti oder des Time-out Schule auf Flüssen unterwegs sind, also mit vornehmlich urbanen und konsumorientierten Paddel-Greenhorns, wirkt diese Metapher oft ohne weitere Erklärungen. Auffahrkollisionen und kleinere Tauchgänge, erfolgreiche Durchfahrten und elegante Manöver machen die Zusammenhänge kommentarlos deutlich. Die Jugendlichen entwickeln die kreativsten Manövriertechniken und steuern sich so den Fluss hinunter. Gelebtes Chairman-Prinzip. In der Praxis stellten sich die theoretischen Erkenntnisse der lösungsorientierten Ansätze für mich als sehr sinnig und praktikabel, als unglaublich nützlich und erfolgreich heraus. In erster Linie manifestiert sich der Unterschied jedoch im angenehmeren Arbeitsklima und einem wertschätzenden Umgang mit den Menschen.

Ein schulisches Time-out beginnt für jeden Schüler mit einem Eintrittsgespräch. Zu diesem „runden Tisch“ kommen Kind und Eltern, Klassenlehrerin und evtl. Fachlehrer, Schulleiterin und allenfalls andere Bezugspersonen wie Beistände, Therapeuten o.Ä. Ein großer Aufmarsch, viel Kompetenz, großes Potenzial, aber auch große Bedrohung für Eltern und Kind. Als wir mit unserer Arbeit im Time-out begannen, wurden wir mit vielen eskalierten Situationen konfrontiert. In den Gesprächen wurde Dampf abgelassen und Feuer gelöscht. Oft füllten die vielen Erklärungen der Ursachen und die Ausführungen der genauen Problematik Gesprächsstunden. Für die Kinder war unser erster Kontakt dann geprägt von den Schilderungen ihrer Verfehlungen und Auflistungen ihrer Missetaten und Fehler. Grundsteine der Zusammenarbeit waren die Probleme, dementsprechend schwierig gestaltete sich oft die Einstiegszeit im Time-out.

Gesprächs-Leit-Faden

Obwohl wir um die Wichtigkeit sowohl der Kenntnis der Problematik, als auch der Psychohygiene der Lehrkräfte wussten, waren diese Bedingungen für uns eine unbefriedigende Ausgangslage. Wir konzipierten daraufhin einen Gesprächsleitfaden nach lösungsorientierten Kriterien, inspiriert von den Forschungsarbeiten de Shazer‘s im bftc (brief family therapy center). Dieser Leitfaden und die gestärkte Haltung, mit der wir durch dessen Erarbeitung an den nachfolgenden Eintrittsgesprächen auftraten, zogen weit greifende Konsequenzen nach sich. Die Problemsituation wurde praktisch ausschließlich in einem vorgängigen Telefonat besprochen, im Eintrittsgespräch wurden bezüglich der Problematik höchstens noch Verständnisfragen gestellt oder die Sicht der Eltern und des Kindes eingeholt. Die verbleibende Zeit wurde von uns dazu genutzt, vorhandene Ressourcen zu aktivieren, gemeinsame Lösungsszenarien zu entwickeln und Zielvereinbarungen festzuhalten. Das Gesprächsklima war im Gegensatz zu den anfänglichen Gesprächen geprägt von Hoffnung und Tatendrang, anstatt von Schuldgefühlen, Aggressionen und aussichtsloser Wut. 

Die Konzeptänderung der Eintrittsgespräche veränderte wesentlich das Arbeitsklima im Time-out Schule.

Die Möglichkeit einer Veränderung und die Fähigkeiten, die wir bei den Einzelnen bereits erkannten, bildeten fortan die Grundsteine. Diese Konzeptanpassung der Eintrittsgespräche veränderte wesentlich das Arbeitsklima im Time-out Schule, die Arbeitsverhältnisse zu den Eltern und Herkunftssystemen und nicht zuletzt unsere Erfolgszahlen. Viele Kinder fingen an, sich auf ein Time-out zu freuen, waren überzeugt, dass ihnen die Auszeit weiterhilft, und sie hatten oft bereits eine Ahnung von dem, was sie lernen wollten. Die Lösungen zeichneten sich ab, vom ersten Tag an. Es gab sogar das eine oder andere Gespräch, das zu keinem Eintritt ins Timeout führte, weil innerhalb des Kind-Eltern-Schule-Systems so etwas wie eine gesunde „Wir schaffen das aus eigenen Kräften“-Überzeugung entstanden war.

Die Einfachheit, die den Unterschied ausmacht

Reframing, das Umdeuten von Sachzusammenhängen in andere Erfahrens- oder Lebensbereiche, Techniken wie Skalierungsfragen, zirkuläre Interviews oder die Wunderfrage sind einfache und wirkungsvolle Techniken. Wenn diese Art der Gesprächsführung be­herrscht, mit einer ehrlichen Neugier gepaart und einer authentisch wohlwollenden Haltung gelebt wird, sind die Kriterien für erfolgversprechende Lösungsorientierung erfüllt. „Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon, wenn etwas nicht funktioniert, mach was anderes!“ Die Leitlinien von lösungsorientierten Gesprächsformen und Arbeitshaltungen sind oft verblüffend einfach, wenn auch in der Praxis nicht immer leicht zu realisieren. Wenn mich im pädagogischen Alltag ein frecher Jugendlicher permanent nervt, dann schaffe auch ich es nicht immer, ihm zu seinem Durchsetzungsvermögen und seiner vielen Energie zu gratulieren. Vielleicht gelingt es mir aber ab und zu, ihn auf dieser Ebene abzuholen, und ihn beispielsweise bei einer Öffentlichkeitsumfrage in die Verantwortung zu nehmen.

Das „Mehr-desselben“-Prinzip ist in unserer Kultur weit verbreitet, leider nicht nur in Situationen, in denen dies auch angebracht wäre. Viel öfter finden wir es in festgefahrenen Problemszenarien, bei Gewalt und Repressionen in Familien oder Schulklassen, bei erfolglosen Bewerbungsstrategien, bei Lerntechniken und Prüfungsangst oder bei Gruppenprozessen und Lärmpegelkontrollen. Schaffen wir in diesen Situationen einen Schritt zur Seite, zurück von der Front des pädagogischen Alltags, besinnen uns auf unseren Auftrag und erspinnen alternative Lösungsstrategien, spüren wir oft eine angenehme Erleichterung. Es gelingt uns dann, zu relativieren und lockerer am Puls des Geschehens zu sein.

Beratungsgespräche werden zu Backstuben von Lösungen.

Der Schlüssel liegt auch in diesen Situationen nicht selten offen auf der Hand. „Versuch es doch mal so …“-Lösungen fokussieren heißt oft erst mal, Druck abbauen, Kräfte sammeln und umleiten, selbst erzeugte Eingrenzungen überwinden, anderes ausprobieren. Beispielsweise könnte das bedeuten, sich persönlich in Betrieben vorzustellen und zu bewerben anstatt nur Briefe zu schreiben, keine Strafaufgaben für fehlende Aufgaben zu verteilen, sondern einmal freiwillige Hausaufgaben machen zu lassen und diese zu würdigen, die Sitzdistanz in einer Gruppenarbeit zu verdoppeln, um laute Kommunikation zu provozieren.

Kreativität ist eine der wichtigen Fähigkeiten, die Menschen die Entwicklung von Lösungsszenarien erleichtern. Je flexibler du denken kannst, desto vielseitiger wirst du an Probleme herangehen können. Je empathischer du dich in der Wirklichkeit einer Jugendlichen bewegen kannst, desto eher wird sie dich auf Entdeckungsreise mitnehmen. Dann wird es möglich, mit ihr Hintertüren zu öffnen und sie auf neue Aussichtspunkte zu führen, um gemeinsam neue Zusammenhänge zu entdecken, alternative Wege zu gehen, revolutionär Wände und Barrieren einzureißen oder Fakten umzudeuten.

Viele Wege führen nach Rom

Mit einer Mischung aus Querdenken, Verrücktheit, aufrichtiger Neugier und gesundem Forschergeist, mit viel Respekt und Feingefühl werden so Beratungsgespräche zu Back­stuben von Lösungen. Wichtig scheint mir die Ausgangslage, dass wir nicht von der Lösung für ein bestehendes Problem sprechen, sondern von einer Vielzahl so genannter Lösungsszenarien, von einer breiten Palette an Lösungsmöglichkeiten, die wir zusammen mit der Protagonistin explorieren und Schritt für Schritt herausarbeiten. Diese Tatsache entlastet insofern, dass wir nicht auf eine ominöse, optimale Lösung fixiert zu sein brauchen, sondern Bewegungs- und Denkfreiheit bekommen. Viele Wege führen nach Rom! Die Expertin für die Lösungsszenarien, wie auch für das Problem an sich, ist immer die Protagonistin. Unsere Aufgabe in der Begleitung ist es, zu fragen und zu hinterfragen, umzudeuten und alternative Wege aufzuzeigen, um so langsam die verhärtete Problemwelt aufzuweichen, und die Protagonistin zu einer immer größer werdenden Auswahl an Lösungsszenarien zu führen.

„Veränderung ist nicht nur möglich, sie ist unumgänglich, ausser etwas oder jemand verhindert sie.“ 
Milton Erickson

Eine schwierige Gruppenkonstellation im passage, kombiniert mit drei wirklich anspruchsvoll zu begleitenden jungen Männern, stellte uns bereits nach der ersten Woche des letzten Novemberprogramms vor einen Ausschlussentscheid. Die drei Männer fielen durch aggressives Verhalten und grenzwertige Sprache wiederholt auf. Wir nutzten vorhandene Kapazitäten für eine Standortbestimmung und entschieden uns für einen Aufschub des definitiven Aufnahme- bzw. Ausschlussentscheids. 

Dieses Verfahren wich stark von einer Standardteilnahme ab, schien jedoch als gängiger Weg für alle. Die drei Gespräche fielen sehr unterschiedlich aus. Ein Jugendlicher entschied sich für die sofortige Suche einer Arbeitsstelle, da er seinen Lehrvertrag bereits in Aussicht hatte. Er fand noch in derselben Woche eine Arbeit. Der zweite musste sich erst in Praktika bewähren und uns gute Referenzen mitbringen. Er schaffte dies nach gut einem Monat und nahm die restliche Zeit erfolgreich am Programm teil. Er fand eine Lehrstelle als Handwerker. Der dritte wollte unbedingt in der Gruppe dabei sein, für ihn bestand die Möglichkeit, mit einer anderen Gruppe eine Woche zu bestreiten und sich so zu bewähren. Auch er kam mit guten Rückmeldungen zurück und erarbeitete sich in der verbleibenden Zeit im moti eine Lehrstelle im Verkauf. Die Passagegruppe indes nutzte die Zeit, um ihre Arbeitskultur zu definieren und ihre persönlichen Ziele zu formulieren.

Zielarbeit als Passepartout

Allgemein setzt die Lösungsorientierung auf das Prinzip der eigenen Ziele und der damit einhergehenden Eigenverantwortung. Mit Fragen wie „Was wäre für dich ein gutes Resultat?“, „Was müsste passieren, damit es sich für dich, für deine Eltern, für deine Lehrerin gelohnt hat?“, „Angenommen du hättest das Time-out erfolgreich abgeschlossen, woran würdest du das merken?“ etc. impliziere ich einerseits, dass es eine Lösung, Besserung oder einen Erfolg gibt, nutze gleichzeitig das Wissen der Schüler und bringe sie in die Handlungsverantwortung. Die Tatsache, dass sich Kinder und Jugendliche ihre eigenen Ziele setzen und daran arbeiten, versetzt mich in die komfortable Lage eines Coaches und Sparringspartners. Ich setze ihnen nicht meine Vorstellungen vor, sondern unterstütze und begleite, fördere und fordere sie auf dem Weg zu ihren eigenen Zielen. Meine Rolle wandelt sich zum Profi für die Methodik und Lerntechniken immer im Sinne der Selbstwirksamkeit. Selbst gesetzte Ziele unterstützen und entlasten mich in der Führung und machen so Energien frei für andere Aufgaben, für Beobachten und Wahrnehmen der Prozesse etwa.

Sowohl im passage-moti als auch im Time-out Schule bilden die so genannten Zielverträge die Basis der Zusammenarbeit. In ihnen formulieren die jungen Menschen einen gemeinsamen Auftrag, auf den sich alle beteiligten Parteien jederzeit beziehen können. In den persönlichkeitsbildenden Wochen im Time-out stellen diese Verträge manchmal sogar eine Art Greencard für intensive Auseinandersetzungen dar. So kann ich mich beispielsweise als externer Erlebnispädagoge für Trainingszwecke in den Dienst dieses Auftrages stellen und Jugendliche speziell in ihren Themen herausfordern. Ein Sparringpartner für die persönlichen Lernschritte.

Die Schwierigkeit in der Zielarbeit und im Entwerfen von Lösungsszenarien sind eigene Ideen, Gedanken und Vorstellungen, die Werte und Weltbilder der Leitung. Die vorherrschende Gesellschaft und Pädagogik ist allzu oft dazu geneigt, gerade jüngeren Menschen ihre Sicht der Dinge überzustülpen. So kommt es, dass Kinder und Jugendliche schon früh gelernt haben, diesen Bildern zu entsprechen, quasi auf Wiedergabe des Erwünschten konditioniert wurden.

Ziele der Kinder und Jugendlichen freilegen

Es muss uns aber gelingen, wirklich ureigene Zielvorstellungen mit ihnen zu erarbeiten, anderenfalls wird die Arbeit zu einer Farce und wir erreichen nur eine Reproduktion des Wiedergabemodus. Gelingt es jedoch, Kindern innere Wünsche und Anliegen, Visionen und Phantasien zu entlocken und diese ernst zu nehmen, dann werden sie in der Prozessbegleitung zu einem Passepartout, das Türen und Wege öffnet und Unglaubliches ermöglicht. Im Time-out wie auch im passage treffen wir immer wieder auf Kinder und Jugendliche, die keine eigenen Ziele oder Vorstellungen formulieren können oder wollen. Gerade bei diesen ist es besonders wichtig, ihnen die Arbeit der Lösungssuche und Zieldefinition nicht abzunehmen oder zu erleichtern. Manchmal legen Jugendliche uns die eigenen Worte in den Mund und schmeicheln uns damit oder sprechen ihren Eltern nach, um auf Nummer sicher zu gehen. Wenn es uns nicht gelingt, ihnen eigene Formulierungen zu entlocken, wird sich unsere Arbeit um ein Vielfaches schwieriger gestalten. Früher oder später werden bei den Jugendlichen Widerstände auftauchen und sich womöglich Fronten erhärten. Es ist jedoch nach meiner Erfahrung nie zu spät, um noch ein eigenes Ziel zu formulieren oder ein gegebenes anzupassen. Manchmal entstehen die ehrlichsten Ziele gerade aus dem Widerstand.

Entscheidend ist die Urheberschaft der Ziele

Entscheidend ist also die Urheberschaft der Ziele. Diese Ziele und Lösungen, als auch die diesbezüglich nötigen Ressourcen besitzen erfahrungsgemäß eine wertvolle Eigenschaft. Wenn wir beim gemeinsamen Explorieren der persönlichen Landschaften auf so genannte Schlüsselwörter treffen, äußern sich diese körperlich, gestisch und/oder mimisch. Was Maya Storch im Zürcher RessourcenModell mit dem passenden Begriff des „glückseligen Grinsens“ umschreibt, ist den meisten wohl aus eigenen Gesprächserfahrungen bekannt. Wenn in eine Unterhaltung ein neues Wort oder eine neue Sichtweise eingebracht wird, wenn ein Begriff, der für den Protagonisten passt, wiederholt oder die entscheidende Frage gestellt wird, ist ihm dies anzusehen. Das ist der Moment, in dem Menschen durchatmen, sich die verkrampfte Körperhaltung löst, sich Gesichter aufhellen, jemand spontan lacht, nickt oder dich zum ersten Mal richtig anschaut. Das ist ein „moment of excellence“ in der Gesprächsführung, ist das Zeichen, dass du auf dem richtigen Weg bist.

Lösungsorientierung in den Interventionsformen der Systemischen Erlebnispädagogik

Techniken aus der Methodenkomposition von Systemischer Erlebnispädagogik eignen sich in besonderer Weise zur Arbeit mit Lösungsfokus.

  • Beispielsweise können sich persönliche Landkarten in Form eines Sozialen Kosmos manifestieren, um dann genauer erforscht, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und mit unterschiedlichem Fokus geprüft zu werden. Diese Gestaltungen laden förmlich dazu ein, verschiedene Möglichkeiten handelnd auszuprobieren oder sich in unterschiedliche Szenarien hineinzuversetzen.
  • Mit einer Ahnengalerie ist es vielleicht möglich, dass eine Patchwork-Familie zu einer Ordnung findet, die Protagonistin als Zeugin die Bewegungen miterlebt und mitgestaltet, bis eine, für sie passende Konstellation repräsentiert ist und ein neues „Familienfoto“ entstehen kann.
  • Ein Mythenspiel eröffnet mitunter die verrücktesten Handlungsspielräume und lädt Menschen dazu ein, Neues auszuprobieren, sich verzwickten Situationen unkonventionell anzunähern und Lösungswege wortwörtlich zu gehen.
  • Eine Linienarbeit kann dazu dienen, dass Jugendliche sich aufrichten und neu ausrichten, um erhobenen Hauptes ihre nahe Zukunft anzupacken.

Wenn also Feuer machen zu einer Metapher wird, Kinder sich im Winter aktiv ein eigenes, sicheres „Zuhause“ bauen und dann im Iglu schlafen oder mit glänzenden Augen symbolisch für ihr Ziel einen grünen Zweig in die Mitte des Gruppenkreises legen, dann sind wir mit der Systemischen Erlebnispädagogik am Puls, sind daran, Lösungen zu generieren.

Während eines Time-outs gestaltete ein Schüler seinen Sozialen Kosmos am Ufer der Maggia. Sein langjährig aufgebautes Image wurde für ihn zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung und manövrierte ihn wiederholt in Teufels Küche. Mit seinen 13 Jahren war er bereits ein ansehnlicher Kleinkrimineller, freundlich zwar, doch immer mit einer Hand in anderer Leute Manteltasche … Im Verlauf der Kreativarbeit symbolisierte er mit schwarzen Steinchen eine negativ besetzte Verbindung von Lehrerin zu Lehrer, entlang seiner ganzen Schulkarriere. 

Was sich da manifestierte, war mir bestens bekannt, über keinen anderen Schüler wurde im Lehrerzimmer seines Schulhauses mehr debattiert, regel­mäßig kursierten Anekdoten seiner neuesten Streiche und Vergehen. Sein Name wurde im Zusammenhang mit Regelverstößen allmählich zum Running Gag. Bei einem Gespräch während dieser intensiven Kreativarbeit, suchte sich der Junge grüne Knospen, die den Weg vom Time-out zurück in seine Klasse schmückten, er fasste den Entschluss, die Auszeit intensiv zu nutzen, um sich gute Referenzen zu erarbeiten. Er entschied sich nach dem Abwägen alternativer Möglichkeiten zu einer Rückkehr und einem, so war ihm sehr bewusst, langwierigen Imagewechsel. Es war ihm eine Kraft deutlich anzusehen, die diese Negativentwicklung, symbolisiert durch die dunklen Steine, durchbrechen wollte und auch konnte. Er blieb über ein halbes Jahr im Time-out und mauserte sich zu einem Vorzeigeschüler. Er steigerte seine Leistungen in allen Bereichen und brillierte schließlich bei einer Abschlussveranstaltung vor 30 Erwachsenen, Schulrätinnen, Schulleitern, Lehrerinnen, Therapeuten und Eltern, indem er einen erstklassigen Auftritt darbot und sein Time-out mit allen Lernschritten präsentierte. Die Reintegration wurde von uns eng begleitet. Laut Rückmeldungen schaffte er es zunehmend auch in der Stammklasse, den alten Fahrwassern zu widerstehen und Vorurteilen die Stirn zu bieten.

Heldensaga, Krimi, Fantasy

Teil der Biografiewoche von passage ist jeweils eine Biografie- oder auch Linienarbeit. Mit Naturmaterialien legen die Jugendlichen ihre Lebenslinie, markieren Meilensteine und erzählen sich ihre Geschichten. Viele folgen der Einladung und tauchen ein in verschiedene Versionen, wie Heldensagas oder Krimis, Fantasystorys oder Komödien. Dieser Fokuswechsel führt zu einer erhöhten Flexibilität und zu Bewusstheit über Wahlmöglichkeiten. Eine fortsetzende Arbeit kann beispielsweise die Weitererzählung der Geschichte in der Zukunft beinhalten; wie soll‘s weitergehen und welchen Fokus gebe ich dem nächsten Kapitel? Ein junger Mann teilte seine Linie in zwei Abschnitte, Kindsein und Erwachsenenwelt. Er bewegte sich dann vorwiegend auf der Kinderseite. Als ihm dies bewusst wurde, begann er auch die Erwachsenenwelt mit positiven Inhalten zu füllen, bisher waren dort nur unerwünschte Eigenschaften repräsentiert. Zum entscheidenden Schritt war er zu dieser Zeit noch nicht bereit.

Manchmal entstehen Lösungsbilder spontan, durch Kontextwechsel, Verlagerung der Werte oder Fokuswechsel und der Gewichtung neuer, anderer Fähigkeiten oder Dinge. Besorgte Eltern sprachen uns bezüglich eines Jugendlichen an, der angeblich öfters in seiner Schulkarriere unter die Räder geraten war und dadurch heute noch Mühe hatte, sich zu integrieren. Sie berichteten von einem Außenseiter, der geplagt und gehänselt wurde und sich deshalb oft verschloss. Es dauerte eine Weile, bis wir sicher wussten, um welchen Jungen es sich handelte, denn gerade er war es, der die Gruppe bei der Expedition mittels der Karte anführte. Er fiel der Gruppe und uns auf, als bescheidener, doch sehr begabter, zuverlässiger und verantwortungsvoller Führer. Er manövrierte mit Karte und Kompass alleine 25 Gleichaltrige einen ganzen Tag lang durch die „Wildnis“, entfachte Feuer, wenn es niemandem mehr gelang, und hielt die Gruppe zusammen bis zum Ziel. Durch den Raumwechsel, vom Schulzimmer ins Outdoor ermöglichten wir diesem Jugendlichen, ohne es zu wissen, seine Talente und Fähigkeiten einzubringen, was ihm nachhaltig zu einer natürlichen Integration in die Gruppe und klarem Führungsprofil verhalf.

Es gibt Erlebnisse mit Gruppen, die uns immer in Erinnerung bleiben werden, einige dieser „Bestseller“ stammen aus der jeweils zweiten passage-Woche, der Expedition. Das Programm sieht diese Woche aus unterschiedlichen Gründen vor, zum Kennenlernen untereinander, zum Aktivieren der teils bereits langzeitarbeitslosen Jugendlichen und natürlich für einige Ziele im Bereich der Sozialkompetenzen und der Teamfähigkeit. Diese Woche ist im Feld der Naturerfahrung anzusiedeln und bietet sich geradezu an, die Lebenswelt der Jugendlichen und ihre Möglichkeiten in metaphorischer Dimension aufzugreifen.

Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen

Die Expedition von passage22 führte uns mit einem Trekking über ein Felsmassiv, von einem Tal in ein neues. Uns dienten die geografischen Metaphern der Passüberschreitung, also des Überganges von einem Tal ins andere bzw. von der Schule in die Berufswelt, sowie die Isomorphie des Lehrstellenmarktes mit dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Wir waren unterwegs mit 40 Jugendlichen, schwer bepackt, draußen bei allen Witterungsverhältnissen. Alles, was wir für die fünf Tage benötigten, trugen wir mit uns: Lebensmittel, Kochgeschirr, Planen u.a. Wir bewegten uns meist abseits von Wegen, mussten uns ständig neu orientieren, um die nächsten Schritte zu planen. Lösungswege entstehen oft dadurch, dass man sie geht. Die Gruppe von passage22 bestand wie auch andere Gruppen zu einem Großteil aus resignierten und demotivierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Junge Menschen, die sich nicht viel zutrauten und Weniges für möglich hielten … bis zur Expedition:

Das Knacken und Rascheln war schon von Weitem zu hören, es folgten regelrechte Salven von Flüchen in allen nur erdenklichen Sprachen. Die 40-köpfige Gruppe war auf ihrer noch jungen Reise an einer steilen Waldböschung angelangt. Rasch fiel die Gruppe auseinander und zog sich in die Länge, die energiegeladenen jungen Männer schwangen sich an den vielen Jungbäumen und Wurzeln aufwärts, fanden Halt an Ästen und den vereinzelten vertrauenswürdigen Grasbüscheln. Den Frauen war das Gewicht der Rucksäcke anzusehen, von ihnen stammten die meisten Flüche. Schnell war klar: hier verlassen wir tatsächlich die Wege, wir treten ins Niemandsland des Waldes ein.

Die derbe Sprache schien erst exponentiell zum Neigungswinkel des Waldbodens anzusteigen, um dann plötzlich wie die salzigen Schweißtropfen zwischen Moosen und Laub, Steinen und Erde zu versickern. Die erste Anhöhe war erreicht und die umherschweifenden Blicke versiegten in der Gewissheit, dass Pfade sich niemals hierher verirren würden. Die Gruppe stand im Walde und obwohl die Schotterstraße nur einen Steinwurf entfernt von uns ihre letzte Kurve zog, hauchte uns der Atem der Wildnis bereits mitten ins Gesicht. Die Augen dieser jungen Menschen spiegelten die ganze Bandbreite an Gefühlen, von Mut, über Heimweh und Angst bis zu Sehnsucht und Abenteuerlust wider. Und dabei waren wir gerade mal eine gute Stunde unterwegs. Der Bus chauffierte uns zuvor durch eine ländliche Gegend, nach dem letzten Dorf überquerten wir nur noch Wiesen und Felder. An einer Brücke verließen wir den Bus und folgten einer kleinen Straße, die später zur Schotterstraße wurde, dem Bach entlang. Die Zivilisation schien für viele unerreichbar. 

Nun standen wir also im Walde, eine Horde City Slickers und Greenhorns, Fat lazes und Highheels, Gangstas und Bonitas. Die wenigsten dieser Menschen bewegen sich freiwillig, geschweige denn in der Natur. Kaum eine lief jemals neben dem Weg, kaum einer trug jemals einen richtigen Rucksack länger als bis zur nächsten Busstation oder zum Open Air. Feuer machen, in Kesseln kochen, Planen spannen – all das war für die meisten neu. Wie sorgt man im Wald für Hygiene, wo und vor allem auch wie geht man hier draußen aufs Klo? Unsere Reise führte uns so richtig in den Wald hinein, ins Dickicht der Bäume, in die Orientierungslosigkeit ohne Horizont und Fixpunkte.

Wir übernachteten auf einer Ebene oberhalb eines Baches. Die erste Nacht im Freien. Wir schliefen ein im Wald. Wir wachten auf im Wald. Anhand der Karte suchte sich die Gruppe den weiteren Weg, viele Stunden kletterten wir über Felsblöcke, stiegen auf Anhöhen, rutschten Abhänge herab und schlängelten uns durch ein Meer von Bäumen. Für kurze Zeit folgten wir einem alten sumpfigen Pfad, der sich dann aber allmählich wieder mit dem Waldboden vermählte. Der Kompass schien uns ein Schnippchen zu schlagen, bis urplötzlich ein Jubelschrei durch die Luft hallte. „Zivilisation!“ Ein Raunen folgte. Die Gruppe hatte nun den Wald ebenso abrupt verlassen, wie sie ihn betreten hatte. Und da war auch wirklich der Grund des Aufsehens: Leuchtend gelb markierte ein Wegweiser am Horizont seinen Stand- und Aussichtspunkt und in der Landschaft den angepeilten Punkt auf der Karte. Unmissverständlich ließ die feine Linie darunter auf einen Weg schließen.

Zivilisation!
Eine ziemliche Distanz und vor allem viele, viele Höhenmeter trennten uns jedoch noch von diesem Ziel. Genau zu wissen und immerzu zu sehen, wo man hinwill, und doch dem Ziel nur mühsam Schritt für Schritt näher zu kommen, war für viele nicht motivierender als im Wald zu stehen und keine Ahnung zu haben. Da half nur der eigene Einsatz. Das Motto für die nächsten anderthalb Tage stand fest. Es galt sich immer wieder ein neues Ziel zu stecken und dann Schritt für Schritt darauf hinzuarbeiten. Die Landschaft war weniger bewaldet, wir gingen auf Wegen. Die verzehrten Mahlzeiten entlasteten die strapazierten Nähte der Rucksäcke gleichermaßen wie die untrainierten Rücken und brennenden Füße. Doch die Wegschlaufen nahmen und nahmen kein Ende. Nur das heranschleichende Bergmassiv wurde zunehmend größer und warf seine Schatten immer weiter voraus. Mit ihnen eilte uns auch der Ruf unserer bevorstehenden Königsetappe entgegen.

Ein Bergrücken, ein Grat, ein Pass, dahinter eine neue Welt. Mit jedem Schritt würde der Koloss weiter in die Höhe wachsen, würde bedrohlicher und unüberwindbarer werden. Wieder würde es gelten, Schritt für Schritt zu kämpfen. Wieder würde dieser eine Schritt, dieser letzte Schritt den Berg bezwingen, das Hindernis unter sich begraben und die Sicht auf eine neue Welt eröffnen bzw. eine neue Sicht auf die Welt. Fernblick wie Panorama waren gigantisch, nicht nur für die vielen Jugendlichen, die noch nie in den Bergen waren. Überglücklich und noch lange fassungslos blieben alle auf diesem abfallenden Bergsattel stehen. Was mit Flüchen begann, endete hier mit Freudentränen und zu Recht stolzen Gesichtern.

Nach dieser gelungenen Expedition, fassten viele Jugendliche neuen Mut. Sie hatten das Unglaubliche erfahren, das Unmögliche erlebt. Eine Stimmung machte sich breit, die vom Gefühl getragen war, wenn wir das geschafft haben, dann finden wir auch einen Job. Eine Rechnung, die für die meisten auch aufgegangen ist! Viele der Menschen, die ich in meiner Praxis bisher begleiten durfte, kamen mit dem Stigma „Problemfall“ zu mir.

In der Lösung liegt die Kraft

Die Begleitung dieser Individuen und Gruppen ist oft anstrengend und mitunter auch sehr aufreibend, denn wie wir alle, sind auch sie es gewohnt, ihrem Image entsprechend zu handeln und behandelt zu werden. Es erfordert mitunter viel Kraft und Durchhaltevermögen, um Teufelskreise und Versagensschlaufen zu durchbrechen oder Veränderungsprozesse in paralysierten Systemen anzukurbeln und in Gang zu halten. Gleichzeitig ist gerade die Arbeit mit „schwierigen“ Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen oft sehr spannend und herausfordernd, lustvoll und abwechslungsreich. Und das Geheimnis des Erfolges, wie könnte es auch anders sein: In der Lösung liegt die Kraft!

Literatur

  • Watzlawick, P. u. Weakland, J. H. u. Fisch, R. (2003): Lösungen. Bern (Hans Huber)
  • De Jong, P. u. Kim Berg, I. (2003): Lösungen (er-)finden. Dortmund (vml)
  • De Shazer, S. (2004): Der Dreh. Heidelberg (Carl-Auer)
  • Bamberger, G. G. (2001): Lösungsorientierte Beratung. Weinheim (Beltz) Hargens, J. (2005): Systemische Therapie … und gut. Dortmund (vml)
  • Simon, F. B. u. Rech-Simon, C. (2004): Zirkuläres Fragen. Heidelberg (Carl-Auer)
  • Storch, M. u. Krause, F. (2003): Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Bern (Hans Huber)
  • Müller, A. (2001): Lernen steckt an. Bern (h.e.p.) 

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