Werkstätte Erlebnispädagogik – online in der Natur

AutorSebastian Schmid
Teilnehmer Lehrgang Systemische Erlebnispädagogik Gruppe24
Sport- und Bewegungstherapeut, Sportlehrer mit Mandaten in verschiedenen sozialpädagogischen und psychiatrischen Kontexten. Wohnhaft in Höchst, Österreich.

Online sein bedeutet für uns bewusst verbunden zu sein mit sich selber, den eigenen Fähigkeiten, Ressourcen und Bedürfnissen. Bewusst verbunden zu sein in einer wertfreien Begegnung mit dem Gegenüber und im achtsamen Umgang in der Gruppe. Hartmut Rosa hat für diese Form des Online seins den Begriff der Resonanz geprägt.

online im Off

Wenn wir hier, auf der Grubisbalm, den Blick schweifen lassen, wähnen wir uns ein Stück weit abseits unseres digitalen Daseins, der stets über uns hereinprasselnden Informations- und Datenmenge, abseits von Whatsapp und E-Mail.

Und so erstaunt es umso mehr beim Blick auf die Baumriesen um uns, die Buchen, Eichen, all die Nadelbäume,… dass uns ein noch weit grösseres, fein verzweigtes Informations- und Datensystem umgibt. Über sehr feine Pilzfäden sind alle Bäume, Sträucher und Pflanzen hier im Wald miteinander verbunden. Pilze sind somit so etwas wie die Glasfaserverbindungen in der Natur. Wird bspw. eine Buche von Käfern und Insekten befallen, warnt er andere Buchen über eben diese Verbindungen, damit sie sich durch Ausschüttung bestimmter Abwehrstoffe gegen einen allfälligen Schädlingsbefall wappnen können. Der Förster und Buchautor Peter Wohlleben nennt diese Form der Kommunikation in Anlehnung ans World Wide Web folglich Wood Wide Web. Während bei uns der Informationsaustausch immer schneller voranschreitet, 5 G neuer Standard wird und Zeiten, in denen man mühevoll über ein 56-k Modem ins Internet einwählen musste endgültig vorbei sind, so läuft die Kommunikation im Wood Wide Web deutlich langsamer ab. Die Nachrichtenübertragung findet hier mit einer maximalen Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Sekunde statt. Für diese für uns miserable Datenrate zahlen die Bäume auch noch einen recht hohen Preis. Da sich Pilze nicht selbst ernähren, sondern auf andere Lebewesen angewiesen sind, versorgen Bäume, Sträucher,… Pilze mit bis zu einem Drittel der gesamten Photosynthese-Produktion. Das Wood Wide Web wäre für uns Menschen also nicht nur sehr langsam, sondern auch ein vergleichsweise sehr sehr teures Internet . [1]

Da ist der Griff zum Smartphone schon verlockender, das Internet ist schneller, der Preis vergleichsweise gering. Und, um es mit der Schriftstellerin Sybille Berg zu halten: In solch einem „Endgerät“ steckt nichts weniger als ein ganzes Leben, wenn nicht viel mehr. Die gesamte Welt- und Nachrichtenlage, unsere ganze Arbeit, Mails, Dating Apps, Katzenvideos und Netflix, Airbnb-Unterkünfte und Billigflüge in die ganze Welt und vieles mehr sind überall und in Echtzeit abrufbar. Manfred Spitzer, deutscher Psychiater und Hirnforscher, weist in seinen Vorträgen und Büchern regelmässig auf die Kehrseiten unserer fortschreitenden Digitalisierung hin. In seinem Buch „Die Smartphone Epidemie“ befasst er sich im Kapitel „Sag mir wo die Blumen sind“ speziell mit dem Thema Natur im digitalen Zeitalter. So beschreibt er etwa, dass im Kinderwörterbuch der Oxford University Press alte Wörter wie buttercup „Butterblume“, acorn (Eichel) oder clover „Klee“ zugunsten neuer Begriffe wie Blog, Chatroom oder BlackBerry gestrichen wurden. Weiters habe der Aktivitätsradius von Kindern in Grossbritannien, in dem sie sich frei und unbeaufsichtigt um ihr Haus oder ihre Wohnung im Freien und in der Natur bewegen durften, seit den 1970er Jahren um 90% abgenommen. Weiters betont er die Notwendigkeit des körperlichen und symbolischen Kontakts mit der Natur und unterstreicht die Bedeutung der Naturerfahrungen für die Gesundheit des Menschen.[2]

Die Wohltuende Wirkung eines Waldspazierganges ist den meisten von uns sicher gut vertraut. Diese heilenden Kräfte der Natur werden immer mehr Gegenstand der Forschung. So lindert sogenanntes Waldbaden, das sind bewusste Aufenthalte in der Natur, oft verknüpft mit Achtsamkeitsübungen oder Meditation nachweislich Ängste und Depressionen, und die Abwehrkräfte werden durch regelmässige Aufenthalte im Wald gestärkt. Neuere Naturtherapeutische Therapieansätze rufen dazu auf, die Welt von der Welt her zu verstehen und nicht vom Menschen und seinen Nutzungsinteressen auszugehen, um im Sinne von „Auch ich bin ein Teil der Natur “ wieder eine ökologische Sensibilität zu entwickeln.[3]

Und genau hier knüpft auch unsere Werkstätte an.

Für uns als Teilnehmende des 24. Lehrganges systemische Erlebnispädagogik von planoalto, ist es immer wieder eine spannende Erfahrung wenn wir in den einzelnen Modulen in eine andere Form des Online –Seins eintauchen können, eine Form die wir gerne mit euch teilen möchten. Online zu sein bedeutet für uns bewusst verbunden zu sein mit sich selber, den eigenen Fähigkeiten, Ressourcen und Bedürfnissen. Bewusst verbunden zu sein in einer wertfreien Begegnung mit dem Gegenüber und in achtsamen Umgang in der Gruppe. Hartmut Rosa hat für diese Form des Online seins den Begriff der Resonanz geprägt. Unter Resonanz versteht er die Art wie wir als Menschen mit unserer Umwelt, mit Menschen, der Natur, aber auch einem Musikstück oder einem Buch in eine Beziehung des Hörens und Antwortens treten. Was bedeutet nun diese Resonanz für uns konkret? Um davon ein Bild vermitteln zu können, habe ich 2 Teilnehmer aus unserem Lehrgang um ein Beispiel gebeten. Bei Cornelia äussert sich dies auf die Art, dass sie bspw. beim Stand-Up Paddeln auf dem Fluss ganz bei sich ist, ihren Körper, ihre Bewegungen, aber auch die Wellen, die Strömung,… ganz bewusst wahrnimmt. Auf diese Weise erfährt sie eine sehr hohe Präsenz im Moment, es gelingt auf diese Art andere Dinge in den Hintergrund zu rücken. Axel erfährt in seiner Männerarbeit eine besondere Form der Resonanz, des Mitschwingens mit dem Gegenüber, wenn er in einer achtsamen, aktiven Form des Zuhörens bei einer Frage schon wie erahnen kann, was sein Gegenüber ihm mitteilen wird.

Online sein bedeutet bewusst verbunden zu sein mit der Natur die uns umgibt, indem wir uns als Teil eines grösseren Ganzen verstehen. – Vier Arten der Naturerfahrung –

Auf diese Form des Online Seins, des Verbunden Seins mit der Natur möchte ich an dieser Stelle etwas näher eingehen.

Die systemische Erlebnispädagogik unterscheidet 4 Arten der Naturerfahrung, so gibt es neben der konkreten Naturerfahrung eine metaphorische, eine energetische sowie eine spirituelle Form der Naturerfahrung. Unter der konkreten Naturerfahrung werden Aktivitäten in der Natur mit all ihren Auswirkungen auf unser körperliches und seelisches Befinden sowie den unterschiedlichsten Sinneseindrücken verstanden. Der erste wärmende Sonnenstrahl im Frühling, die körperliche Anstrengung, Schweiss, Brennen in den Muskeln beim Bergsteigen, der Wind der einem den Regen ins Gesicht peitscht, der Rauch des Lagerfeuers der in den Augen brennt,… In der Natur werden der Körper und alle Sinne vielfältiger einbezogen, gefordert und intensiver wahrgenommen als in unserem Alltag. Wer sich in der Natur aufhält und fortbewegt wird aber nicht nur als Individuum gefordert und gefördert, wenn man sich in der Gruppe fortbewegt werden einem besonders auch soziale Kompetenzen abverlangt. Wenn es darum geht bei widrigen Bedingungen einen Lagerplatz aufzubauen oder nach einer langen Etappe in Rekordzeit ein feines Essen für die Gruppe zuzubereiten, so können Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe gestärkt und gefestigt werden.

Unter metaphorischer Naturerfahrung versteht die systemische Erlebnispädagogik Bilder, Situationen oder Geschehnisse, die auf andere Lebensereignisse übertragbar sind. Die Natur bietet einfache und doch starke Bilder, die unbewusst und langfristig wirken können. Ein für mich sehr prägendes Beispiel auf dem Gebiet der metaphorischen Naturerfahrungen war eine Winterwanderung mit einem Patienten der aufgrund eines Burnouts in unserer Klinik in Behandlung war. Auf einem Spaziergang durch eine tief verschneite Winterlandschaft berichtete er immer wieder davon, wie gerne er in seinem Leben einmal neue Wege ausprobieren würde, nicht immer auf vorgespurten Wegen bleiben zu wollen, aber es fehle ihm an Eigeninitiative. Bis dahin waren auch wir auf geräumten Strassen unterwegs, und auf meinen Vorschlag hin diese Strassen zu verlassen und einen Weg durch den Tiefschnee zu suchen, ging er zuerst nur zögerlich ein. Gemeinsam stapften wir dann aber durch den Tiefschnee zurück zur Klinik, und als wir uns am Ende umdrehten, sahen wir eine Spur die sich durch die verschneiten Felder bis zu uns her zog. Schon dieser erste Anblick hatte eine tiefe Wirkung auf ihn. Dieses innere Bild des eigenen Weges, Spuren hinterlassen zu haben, verstärkte sich hinterher jedoch noch mehr, da aufgrund der kalten und stabilen Wetterlage die Spuren noch Tage und Wochen sichtbar blieben. Gegen Ende des Aufenthaltes berichtete mir dieser Patient dann nochmal wie zentral diese Erfahrung für ihn in seinem Prozess gewesen sei, und dass er das Bild dieser Spuren die er im Schnee hinterlassen hat verinnerlichen konnte.

Energetische Naturerfahrungen sind weniger unmittelbar fassbar wie die eben beschriebenen konkreten und metaphorischen Naturerfahrungen, sondern eröffnen sich oft in anderen Wahrnehmungsdimensionen. Sie äussern sich bspw. in speziellen Stimmungen in Naturplätzen oder in einer bestimmten Atmosphäre des Geschehens. Oft bewegt und berührt diese Form der Naturerfahrung Menschen sehr tief, weshalb es ein Anliegen der systemischen Erlebnispädagogik ist, Menschen dafür zu sensibilisieren und ihre Wahrnehmung dafür zu schärfen. In der kreativ-rituellen Prozessgestaltung werden dazu jene Elemente gewählt, mit denen wir am häufigsten unmittelbar in Kontakt sind – nämlich die energetischen Kräfte der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft.

Neben ihren materiellen Eigenschaften wird auch von einer energetischen und des Weiteren auch spirituellen Dimension dieser Elemente ausgegangen. Feuer weckt in uns etwas anderes als Wasser, Erde strahlt anders als Luft, und so bietet die Arbeit mit diesen Energiewirkungen der Elemente eine Anregung zur Auseinandersetzung mit der Bedeutungskraft von elementaren Energien. Unter diesem Blickwinkel bekommt auch die Wahl des erlebnispädagogischen Mediums eine besondere Bedeutung, es geht nicht mehr nur um die körperliche Erfahrung an sich, sondern auch um die Wirkung des geeigneten Naturraumes an sich. Die vierte Dimension der Naturerfahrung stellt die spirituelle Naturerfahrung dar. In verschiedenen Religionen werden spirituelle Naturerfahrungen beschrieben, Initiationsriten und Pilgerfahrten werden zelebriert um eine eben solche zu ermöglichen und mit dem „Göttlichen“ oder einem grösseren Ganzen in Berührung zu kommen. Auch wenn es nicht Ziel und Auftrag der systemischen Erlebnispädagogik ist solche spirituellen Erfahrungen zu ermöglichen, so geschehen diese mitunter auch einfach, treffen Menschen unvorbereitet und im Schlaf. Vielmehr soll ein Arbeits- und Lernraum geschaffen werden, der vielerlei Arten der Naturerfahrung, von der konkreten bis zur spirituellen zulässt, einschliesst und nicht ausgrenzt.

Für alle Formen der Naturerfahrung gilt, dass sie wichtige persönliche und gruppenbezogene Prozesse und Erfahrungen ermöglichen, wie die Entdeckung und Förderung eigener Ressourcen, das Entwickeln von Selbstvertrauen, die Wahrnehmung von Gruppensituationen, das Erleben eigener Führungsmuster, oder auch das Wahrnehmen, Akzeptieren und Ausdrücken von Gefühlen. Auch wenn sich die einzelnen Formen der Naturerfahrung in der Theorie gut trennen und voneinander unterscheiden lassen, so sind die Übergänge in der Praxis oft fliessend, nicht so klar abgrenzbar.[4][5]

Abschliessen möchte ich mit einer Definition von Erlebnispädagogik, die eine unserer Lerngruppen während eines Selbstlern-Moduls für sich gefunden und uns zur Verfügung gestellt hat:

„Erlebnispädagogik beginnt da, wo die Komfortzone aufhört. Ein Kribbeln im Bauch sagt dir: „du bist am richtigen Ort“. Systemische Erlebnispädagogik beinhaltet verschiedene Methoden und kreative Techniken um unsere Wahrnehmung zu schärfen, mehr Klarheit über unser Leben und unser Handeln zu erlangen. Systemische Erlebnispädagogik ist für Leute, die ihre Grenzen erkennen und erweitern wollen. Rituelle Strukturen stärken dafür den Mut und die Handlungskraft. Sie findet meistens in der Natur statt. Beim Unterwegssein in Wald, auf dem Berg und im Wasser sind wir aufgefordert vorauszuschauen, gut zu planen und gleichzeitig aufmerksam zu beobachten um situationsangepasst reagieren zu können. Wir lernen in neuen Räumen und Ebenen, auf die Ressourcen der Anderen und von uns selbst zu achten und diese zu Nutzen. Wir lernen, gleichzeitig mit uns selbst und unseren Mitmenschen verbunden zu sein. So spüren wir was es braucht um eigenes Glück und das der Anderen zusammen zu bringen. Das Draußen sein führt uns zurück zu einer Einfachheit und Zufriedenheit mit uns selbst. Systemische Erlebnispädagogik ist auch eine Lebensschule. Denn Prozesse brauchen oft mehr Zeit als man will – Reifen ist eine Lebensaufgabe.“

Und so möchte ich, so möchten wir euch gerne einladen, den Tag mit uns online zu verbringen. Wir freuen uns auf spannende Begegnungen, Gespräche und Momente des online seins mit euch!

 

[1]Wohlleben, P.:  Das geheime Leben der Bäume (2015)

[2]Spitzer, M.: Die Smartphone Epidemie (2018)

[3]Höhmann-Kost, A.: Integrative Leib- und Bewegungstherapie (2018)

[4]Habiba Kreszmeier, A. & Hufenus, H.: Wagnisse des Lernens  (2000)

[5]Zuffellato, A. & Habiba Kreszmeier, A.: Lexikon Erlebnispädagogik (2012)