Was wäre, wenn…? Eine Frage, die nach draussen will!

Autor:innen:

Renate Hauser

Teilnehmerin des Lehrgangs Systemische Erlebnispädagogik

Ich kenne sie, diese Frage. Sie begegnet mir immer wieder, in dieser oder einer ähnlichen
Form.

Ich könnte doch auch…
In einer anderen Welt wäre ich längst…
Hätte ich damals anders entschieden, wäre ich heute…
Hätte ich nur die Zeit dazu, würde ich…


Die Sätze haben den Konjunktiv gemeinsam, das “wäre”, “hätte”, “könnte”. Den Konjunktiv
nennt man auch die Möglichkeitsform. In der Grammatik spricht man davon, dass er das
“nicht-Wirkliche” ausdrückt. Die Frage “was wäre, wenn…?” öffnet den Raum für alles, was
auch noch möglich ist. Es ist die Frage, die von einer anderen Wirklichkeit träumt.


Sehr schnell antwortet meine innere Stimme – sie nennt sich selbst “Realist” – und beginnt
aufzuzählen, warum das nicht geht. Warum es eben “nicht wirklich” ist. Dass die Realität
anders aussieht. Welche Probleme und Hindernisse ich noch nicht bedacht habe. Die
Gedanken ziehen ihre Kreise. Und oft genug ist mein Realist zur Stelle, noch bevor ich zu
träumen anfangen kann. Wie viele dieser Fragen, sind immer in mir drin geblieben,
unausgesprochen, haben ihren Weg nach draussen nie gefunden?

Der Systemische Ansatz widerspricht unserem Realisten. Was wirklich ist und was nicht, das
konstruieren wir selbst. Unsere Wirklichkeit ist das Resultat von unseren Beobachtungen,
diese wiederum von unseren inneren, leitenden Unterscheidungen geprägt: Ist der
Löwenzahn in meinem Garten Unkraut oder Heilpflanze? Ist die Kaffeepause bei der Arbeit
unproduktiv oder erholsam? Was wahr ist und was nicht, ist somit eine Frage der
Perspektive. Und diese können wir ändern. Wir können uns entscheiden, auf die
Ressourcen und Möglichkeiten anstatt die Probleme zu blicken. Also: wir sind selbst
Schöpfer:innen unserer Wirklichkeit.

Dieser Überzeugung folgend öffnen wir in der Werkstätte den Raum, neue Wirklichkeiten zu
erproben und zum Leben zu erwecken. In den Workshops der Werkstätte gibt es die weisse
Leinwand, die Galerie, die Bühne, auf der diese “was wäre, wenn…?”-Fragen Form, Farbe,
Gestalt annehmen können. Mit den Methodenfeldern der Erlebnispädagogik – szenischer
Arbeit, Kreativtechnik, Ritueller Gestaltung und Naturerfahrung – finden unsere
Gedankenkreise einen Weg nach draussen. Sie werden anfassbar und erlebbar.

Und während unsere alternativen Wirklichkeiten in der Werkstätte ihren Lauf nehmen, dürfen
unsere inneren Realisten als Publikum Platz nehmen. Mit dem Ausgehen des Saallichts
dürfen sie leise werden, und vergnügt und interessiert zuschauen, was auf der Bühne
plötzlich alles möglich wird.

Du folgst den Wegweisern zur Werkstätte. Durch ein schön gestaltetes Eingangstor betrittst
du den Garten der Klingenmühle. Du wirst herzlich begrüsst und eingeladen, an einem
Buffet ein warmes Getränk und etwas kleines zu Essen zu nehmen. Du fühlst dich etwas
unsicher zwischen all den fremden Menschen, also beschliesst du, dich vom Buffet zu
entfernen und erst einmal das Areal anzuschauen. Du streifst über den Platz – es ist ein
schöner, herbstlicher Tag. Die Sonnenstrahlen, die durch den Nebel dringen, und das warme
Getränk in deiner Hand lösen in dir ein wohliges, zuversichtliches Gefühl aus. Draussen
bekommt das Leben eine eindringliche Unmittelbarkeit, die kalte Luft, die du atmest, die
Feuchte des Nebels auf der Haut, bringen dich in das hier und jetzt. Die Alltagsgedanken
sind unbemerkt beim Eingangstor zurückgeblieben.

Das Läuten einer Glocke signalisiert dir, dass das Programm startet. Auf der Wiese hinter
den Gebäuden versammeln sich alle in einem grossen Kreis. Du blickst in die Runde, in die
fremden Gesichter, und wirst etwas nervös. Zum Einstieg gibt es mit vorgegebenen Fragen
angeleitete, kurze Zweiergespräche. Während der Übung legt sich deine Nervosität: die
Menschen, auf die du triffst, erzählen interessante Dinge und sind selbst interessiert an
deinen Antworten. Ausserdem merkst du, dass es leicht ist, mit fremden Menschen zu
sprechen, wenn das Gesprächsthema vorgegeben ist.

Im Workshop am Morgen legst du mit bunten Blättern, Steinen, Zweigen ein Bild von deiner
aktuellen Arbeitssituation. Es gibt einige Reibungen in deinem Team, nur werden Probleme
immer nur in Abwesenheit der betroffenen Personen angesprochen. Nun, da die ganze
Situation vor dir liegt, kannst du sie mal aus der Nähe betrachten. Du stehst zwei Schritte
zurück und betrachtest das Gesamtbild. Endlich hast du einen Überblick. Das sieht alles
furchtbar klein und eng aus. Willst du mal auf die andere Seite stehen? Sieht es von da
besser aus? Nein, furchtbar eng. Wie ist es, wenn du mitten hinein stehst? Jetzt liegt ein
grosser, moosbewachsener Stein in deinem Rücken. Unangenehm irgendwie. Du drehst
dich langsam um dich selbst. Immer hast du etwas Unangenehmes im Rücken. Bis du
schliesslich zum Stehen kommst, ein kleiner Blumenstrauss in deinem Rücken. So ist es in
Ordnung. Der Blumenstrauss: Es sind die Lernenden, die ihr in eurem Team ausbildet.

Am Nachmittag wagst du dich beim Mythenspiel auf die Bühne. Aus dem Märchen
Schneewittchen wählst du den Zauberspiegel als deine Rolle. Die Ehrlichkeit des Spiegels
sagt dir zu: nur dadurch, dass er der Königin seine ehrliche Meinung sagt (dass nicht sie die
Schönste sei, sondern Schneewittchen), kann die Geschichte seinen Lauf nehmen.
Während du dich zusammen mit den anderen Figuren der Geschichte in die Rolle
hineinfühlst, gestaltet ein Teil der Gruppe auf der Wiese unter den Bäumen eine Bühne und
setzt sich als Publikum daneben. Du betrittst die Bühne als Spiegel und nimmst einen Platz
am Rand ein. Ohne wirklich der Geschichte zu folgen, beginnt ihr, euch in euren Rollen zu
bewegen und zu spielen. Du wunderst dich: ständig kommen die Figuren zu dir – dem
Spiegel – und fragen dich, was du siehst. Du beginnst Gefallen zu finden an der Ehrlichkeit
des Spiegels und gibst bei jeder Frage selbstbewusst und offen deine Sicht. Und obwohl du
meist nicht das antwortest, was die Fragenden hören wollen, scheinen sie deine Meinung
doch wieder und wieder zu brauchen.

Für den Abschluss der Werkstätte kommen nochmals alle zusammen. Du schaust in den
Kreis. Das Gefühl ist anders als am Morgen: die Gruppe kommt dir schon gar nicht mehr
fremd vor. Mit vielen Geschichten, die sich hier versammelt haben, bist du heute in
Berührung gekommen – manche haben dich berührt, manche bewegt. Ihr werdet eingeladen,
euch nochmals zu überlegen, was ihr vom heutigen Tag mitnehmt, was für ein Funke
vielleicht gesprungen ist. Wenn du willst, darfst du mit deinem Funken eine Kerze anzünden
und diese mitnehmen auf deinen Weg zurück in deine Alltagswelt: ein Lichterweg, der durch
den schönen Garten der Klingenmühle zurück zum Eingangstor führt, durch das du heute
die Werkstätte betreten hast.

Auf der anderen Seite des Tors folgst du der Einladung, dich noch zum Abendessen
dazuzugesellen. Du bleibst noch lange am Feuer sitzen und tauschst dich mit anderen über
die Erlebnisse des Tages aus

Wenige Tage später findest du dich in der altbekannten herausfordernden Arbeitssituation
wieder. Auch diesmal wird eine schwierige Teamsituation angesprochen, wieder in
Abwesenheit der betreffenden Personen. Du nimmst deinen Mut zusammen und sprichst
deine Beobachtung laut aus. Du tust das selbstbewusst – du hast es schonmal gemacht. Als
Spiegel verkleidet auf einer Bühne unter den Bäumen. Und so nimmt deine Geschichte ihren
Lauf…

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