«Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
und an das Wunder niemals ganz gewöhne.»
Mascha Kaléko
Unser Ruf ist die erlebnispädagogische Arbeit. Im Rahmen dieses Fachartikels nehmen
wir dich mit auf eine Reise, zu der uns dieser Ruf geführt hat. Einer Reise zu uns und zu
mehr Verbindung mit unserer Mitwelt. Einer Reise, die uns mit den Elementen tanzen
lässt, die uns in unterschiedlichen Schichten tief berührt und verwandelt. Sie schenkt uns
neuen Boden unter den Füssen, lässt sanfte Böen ebenso wie kraftvolle Stürme
entstehen, entfacht das Feuer in uns, weitet unseren Raum und schenkt uns das nötige
Vertrauen, uns dem Fluss des Lebens hinzugeben.
Schön bist du da
Im Sommer 2025 nimmt diese Reise ihren Anfang. Sie startet in einem Wald im Kanton
Appenzell Innerrhoden. Wir – die Lehrgangsgruppe 38 der Ausbildung «Systemische
Erlebnispädagogik und Prozessgestaltung» und nun lesend auch du – waten gemeinsam
durch den Fluss, begegnen uns, lernen uns kennen. Uns selbst, und die vielen neuen
Gegenüber. Wir plaudern, wir schmausen, wir schweigen – und in uns beginnt sich etwas
zu bewegen. Ein Weg eröffnet sich, vielleicht vorerst noch ein Trampelpfad neben der
bekannten Autobahn, der sich lohnt zu begehen. Der einlädt zum Spüren, Entdecken,
Lauschen, Erfahren.
Wir bewegen uns wortwörtlich durch den Fluss an unseren ersten Rastplatz. Die
Geschwindigkeit verlangsamt sich automatisch – durch den Fluss lässt es sich nicht
rennen. Die Bewegung im Körper regt an. Unser Herz schlägt mal schneller, mal
langsamer. Unser Atem geht mal flacher, mal höher. Unsere Füsse tragen uns. Doch nicht
nur unser Körper bewegt sich, auch die feineren, tieferen Schichten in uns kommen in
Schwingung und folgen ihrem eigenen Rhythmus. Wir werden achtsamer in der
Wahrnehmung unserer Gefühle und verleihen ihnen bewussten und unbewussten,
kreativen und künstlerischen Ausdruck. Auch vermeintlich negative oder schwierige
Gefühle finden ihren Platz – Angst, Trauer und Wut beispielsweise dürfen sein und
bewegen sich mit, im Rhythmus der Gefühlsebene. Leben beinhaltet, dass wir auf bunte
Art gefühlvolle Wesen sind. Die mentale Ebene hilft uns, unsere Erfahrungen kognitiv zu
verstehen, in einem logischen roten Faden in unserem Tagebuch zu notieren. Wir finden
Sprache für die Erlebnisse, die Begegnungen mit uns und der Natur. Wir erforschen den
Weg, die Bewegung in der wir uns befinden und organisieren unsere Gedanken. Die
seelische Ebene zeigt sich nochmals auf eine andere Weise. Dort, wo wir unserer Intuition
folgen, uns der Reise hingeben und Vertrauen finden, dass wir getragen und verbunden
sind mit unserer Mitwelt, dort spüren wir, was hier als Ebene der Seele beschrieben wird.
Wir erfahren die Natur nicht mehr nur als neutralen Ort, der uns vorübergehend ein
Zuhause schenkt. Wir erfahren die Natur auch als beseelten Ort, als Ort mit dem wir in
Resonanz treten und der uns Impulse schenkt.
Wir handeln, die Natur gibt Antwort oder stellt Fragen. Wir spüren nach, spüren unserem
Erleben nach. Spüren immer wieder nach was sich zeigt. Auf der Körperebene, der
Gefühlsebene, der mentalen Ebene und der seelischen Ebene, und im Wechselspiel
zwischen uns, den Ebenen und der Natur. Wir schärfen unser Bewusstsein und unser
Empfinden von Bewegungen auf all diesen Ebenen und stärken dadurch unser
Bewusstsein für Resonanz.
Resonanz
Doch was hat es mit dieser «Resonanz» auf sich? Hartmut Rosa beschreibt Resonanz als
ein unverfügbares Antwortgeschehen zwischen uns Menschen und unserer Umwelt. Ein
dialogischer Prozess, in dem wir uns nicht als getrennt von ihr erleben, sondern als in
gelingender und sinnerfüllten Beziehung stehend. Wir werden berührt, antworten
innerlich darauf und erleben dabei Veränderung. Solche Resonanzerfahrungen sind zwar
nicht vorhersehbar, erst recht nicht planbar und auch nicht immer eindeutig. Aber wenn
wir Resonanz erfahren, dann so, dass wir uns im Dialog mit der Umwelt oftmals als
selbstwirksam erleben und uns gleichzeitig auf das Unplanbare, Unverfügbare und
Lebendige in ihr einlassen können. Die Resonanzerfahrung beginnt in uns als Impuls zu
wirken.
Wir sind überzeugt, dass sich uns solche Räume vor allem dann eröffnen, wenn wir
beginnen, einen Gang zurückzuschalten oder den unerforschten Weg wählen. Wenn wir
die Autobahn verlassen und einen Trampelpfad einschlagen, oder wie eben auf unserer
Reise durch ein Flussbett waten. Wenn wir uns Zeit nehmen innezuhalten in unserem
Alltag, der oft geprägt ist von äusserlich Vorgegebenem, von Tempo, Zielorientierung und
dem Streben nach mehr. Wenn wir uns einlassen auf einen Weg, der nicht vollständig
planbar ist. Ein Weg, der uns auffordert, langsamer zu werden und uns zeigt, wie
bedeutsam das Wahrnehmen und Spüren auf allen Ebenen sein kann.
So gelang es uns und dir beim Gang durch den Fluss und durch das kalte Wasser, über die
glitschigen Steine und die Untiefen im Flussbett, nicht nur unseren Körper und seine (mal
mehr und mal weniger angenehmen) mentalen Aktivitäten klarer wahrzunehmen,
sondern auch in Kontakt zu treten mit unserer Seele und unseren Gefühlen. Wir wurden
eingeladen, unsere Aufmerksamkeit voll und ganz in den entstehenden Moment zu lenken
und wurden dabei automatisch achtsamer und feiner in unserer Wahrnehmung.
Was beim Wandern durch diesen Fluss geschieht, lässt sich auch als einen Prozess
beschreiben, wie ihn Otto Scharmer in seiner Theorie U formuliert: ein Innehalten, ein
Abtauchen unter die Oberfläche des Gewohnten. Wir lassen ab von schnellen Urteilen
und bekannten Mustern zugunsten eines offenen Wahrnehmens und von Resonanz. Und
kommen über die Verkörperung in ein Erspüren unserer Intuition hinein, in ein Handeln
aus innerer Klarheit und erleben Sinnhaftigkeit. Vielleicht ist es genau dieses Abtauchen,
das beim Gang durch den Fluss begonnen hat. Indem wir langsamer wurden, hat sich
auch unser innerer Raum geweitet und durch das fliessende Wasser festgefahrene
Gedanken und Gefühle in Bewegung gebracht. Perspektiven verschieben sich, werden
durchlässiger. Das Bekannte verliert an Eindeutigkeit und macht Platz für neue
Möglichkeiten. Leben beginnt sich dadurch auf eine andere Art zu bewegen. Denn Leben
ist ja eigentlich immer Bewegung; das menschliche Herz schlägt lange vor unserer Geburt
und hört nicht mehr auf bis zu unserem Tod. Und wenn der Atem geht, dann geht auch
das Leben. Es ist der Inbegriff von Leben, dass es sich bewegt. Und doch geht es uns hier
um noch eine andere Qualität der Bewegung. Es geht uns um die Vision von ‹Bewegung
zu etwas›. Bewegung zu Selbsterkenntnis, zu Verbundenheit in einer Gruppe und der
Natur, zu mitfühlendem Handeln. Und um innere Erstarrungen zu lösen. Dieser Prozess
ist gekennzeichnet davon, in sanfter Begleitung eingefrorene Bilder über sich selbst, über
andere Menschen, über die Welt und über gewisse Zustände (wieder) in Bewegung zu
bringen. So, dass sich das Leben und wir uns darin zuversichtlich weiter bewegen können.
Verkörperung
Resonanzerfahrungen oder auch angestossene Prozesse die diese Art von Bewegung
anstossen, geschehen dabei aber nicht nur gedanklich und auf Gefühls- und seelischer
Ebene. Sie werden, hier im Rahmen einer konkreten Naturerfahrung, auch verkörpert.
Maja Storch beschreibt im Embodiment-Ansatz, dass unser Erleben immer auch im
Körper verankert ist und das Gedankliche und Gefühlte untrennbar mit dem Körperlichen
verbunden ist. Der Körper ist dabei nicht nur Träger von Erfahrungen, er ist auch aktiv an
ihrer mentalen und seelischen Bewegung beteilig. Er reagiert, bevor wir verstehen. Er
spürt, bevor wir benennen können. Ein ständiges aufeinander einwirken in einer
untrennbaren Verbundenheit zwischen Körper und Geist. Das kalte Wasser an den
Füssen, der unebene Untergrund des Flussbetts, das ständige Austarieren. Mit jedem
Schritt entsteht ein neues Gleichgewicht. Oder wir verlieren es kurz, nur um es im
nächsten Moment wiederzufinden und erneut in Verbindung zu treten und den Rhythmus
zu spüren. Das alles fordert unsere unmittelbare Präsenz. Unser Wesen sucht Halt, findet
ihn, verliert ihn wieder und bewegt sich weiter. In dieser Verbindung von Wahrnehmung,
innerer Bewegung und Verkörperung entsteht eine für uns oft als neu empfundene und
uns berührende und sinnerfüllte Beziehung zur Welt. Wir treten in Kontakt – und die Welt
antwortet. Wir werden lebendig und lassen uns und unser Leben bewegen.
Zurück zu unserem Ruf
In der systemischen Erlebnispädagogik gestalten wir bewusst Räume, in denen wir uns
verbinden. Verbinden mit den vier beschriebenen Ebenen – im Körper, im Denken, im
Fühlen und im Geist, verbinden mit dem Gegenüber und der Mitwelt, verbinden mit den
Elementen. Wir gestalten Räume, in denen Menschen sich bewegen und bewegt werden.
Die Natur ist dabei nicht mehr nur Kulisse, sondern wird zum lebendigen Gegenüber, zu
einem beseelten Ort, zur Impulsgeberin.
Der in der Einleitung beschriebene Weg und unser Ankommen im Wald, das gemeinsame
Unterwegssein im Fluss, das langsame Vertraut werden mit uns selbst und den anderen
war von Zufällen geprägt, aber kein zufälliges Geschehen. Eine solche Naturerfahrung ist
kreierte Einladung, uns auf allen vier Ebenen und mit allen Wahrnehmungskanälen auf
die gemeinsame Zeit einzulassen, in der sich unsere bewegten Leben begegnen,
verweben und weiterentwickeln. Eine Zeit, in der wir nicht nur unsere eigene Bewegung
wahrnehmen, sondern auch von den Bewegungen anderer berührt werden, sie mittragen
und vielleicht ein Stück weit mitbegleiten.
Und so darfst auch du diese hier beschriebene Reise als bewusst gewählte Metapher
verstehen. Als Einladung dafür, deinen Bewegungen nachzuspüren und sie ins Leben zu
tragen. Was hat sich bei dir beim Lesen bewegt physisch, mental, fühlend oder seelisch?
Vielleicht klingt es heute erst noch wie ein leiser Impuls in dir. Eine erst fein spürbare
Wahrnehmung, welche sich vielleicht zu einem Ruf entwickelt, zu einer Handlung, zu
einem ersten Schritt auf einem neuen und noch unbekannten Weg der ständigen
Bewegung des Lebens, der sich entwickelt zu deinem Weg. Wir laden dich ein, dieser
Wahrnehmung, diesem Impuls, diesem Ruf nachzuspüren und die Bewegung die daraus
entsteht zu leben.
Literaturverzeichnis
Kreszmeier, Astrid Habiba & Hans-Peter Hufenus (2000): Wagnisse des Lernens, aus der
Praxis der kreativ-rituellen Prozessgestaltung. Bern, Verlag Paul Haupt.
Rosa, Hartmut (2020): Unverfügbarkeit. Suhrkamp Taschenbuch Verlag.
Scharmer, Otto (2020): Theorie U, von der Zukunft her führen. Heidelberg, Carl-Auer
Systeme Verlag.
Storch, Maja, Benita Cantieni, Gerald Hüther & Wolfgang Tschacher (2010):
Embodiment, Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Bern,
Huber.