Anlässlich unserer Werkstätte «Der Vielfalt begegnen. Einklang erleben» vom 12. Oktober 2025 machen wir uns hier ein paar Gedanken über das Thema «Vielfalt».
«Reto, was hast du für einen Eindruck von unserer Gruppe?», fragen wir unseren Co-Lehrgangsleiter im ruhigen Gespräch auf dem Kiesstrand an der Thur sitzend. Er schmunzelt: «Ihr seid zwar nur sieben, aber so verschieden!» Unterschiedliche Alter, Charaktere, Erfahrungen, Eigenheiten, Vorlieben, Haltungen, Berufe. So schwatzen die einen gern, die anderen sind eher nachdenklich. Die einen brauchen viel Bewegung, die anderen verweilen gerne in tiefen Gesprächen. Die einen schätzen klare Abläufe, die anderen können viel Ungewissheit aushalten. Die einen nehmen sich gerne Zeit für sich, die anderen lieben es im Pulk zu sein. Die einen können tagelang übers Kochen sprechen, die anderen sammeln lieber Feuerholz. Die einen bringen viel Outdoor-Wissen mit, die anderen improvisieren und finden kreative Lösungen. Die einen frieren schnell, die anderen sind bei kalten Temperaturen frivol…
Diversität fördert Möglichkeiten

Wenn jemand sagt, «Das ist für alle so», braucht es einen Einwand. Denn gerade durch die Verschiedenheit des Wahrnehmens und Erlebens lässt sich keine Erfahrung verallgemeinern. Vielmehr ist gerade diese Verschiedenheit die grösste Chance des Lernens in der Gruppe. Wenn wir die Unterschiedlichkeiten zulassen oder vielmehr befördern, wenn wir einen vertrauensvollen Rahmen schaffen – alle gemeinsam – so dass die Gruppenmitglieder sich eingeladen fühlen, ihre spezifischen Qualitäten einzubringen, dann gewinnt die ganze Gruppe. Dann entsteht ein energiereiches Lernfeld. Den Humor, den jemand reinbringt, kann es jemand anderem erleichtern, einen schwierigen Schritt zu machen. Die körperliche Kraft, die jemand reinbringt, kann es jemand anderem erleichtern, mitzuhalten.
Mit jeder neuen Stimme, mit jedem neuen Blickwinkel entstehen neue Möglichkeiten. Gruppen besitzen dadurch Kräfte, die ein einzelnes Individuum allein nicht aufbringen kann. Sie können Aufgaben bewältigen und Ziele erreichen, die allein unmöglich wären. Im Lexikon Erlebnispädagogik (Augsburg 2012) steht dazu:
«Lebendige Systeme haben die Fähigkeit Variantenreichtum und Unterschiedlichkeit der einzelnen Elemente zu fördern und gleichzeitig eine funktionierende Einheit zu bleiben. Diversität ermöglicht Flexibilität und sichert die Entwicklungs- und Lebenschancen.» (S. 39)
Die Lebendigkeit eines Systems – einer Gruppe in diesem Fall – wird also gesteigert, wenn Unterschiede produktiv zum Tragen kommen.
Individuelle Entfaltung

Doch auch im einzelnen Individuum schlummert eine Vielfalt von Möglichkeiten. Oft haben sich Eigenheiten, Gewohnheiten, Ansichten gefestigt. In der SEP-Lerngruppe entsteht durch neue Herausforderungen und eine offene Sicht auf die Unterschiede, wie jedes Gruppenmitglied die Aufgaben angeht, ein grosser Raum des persönlichen Wachstums. Jeder kann für sich neue Ressourcen entdecken und es können sich neue Handlungsmöglichkeiten auftun. Dabei werden die einzelnen von den Gruppenmitgliedern inspiriert, gestärkt, herausgefordert und gespiegelt. Auf das Selbstbild und Selbstwertgefühl kann dies eine grosse Wirkung haben und so wird die individuelle Entfaltung unterstützt.
Die innere Vielfalt wird durch die Methoden der systemischen Erlebnispädagogik auch im Aussen sichtbar. Für das Legen der Lebenslinien oder von sozialen Kosmen wählt jede/jeder einen eigenen Ort und eigene Materialien. Immer wieder staunen wir, wie unterschiedlich und für den einzelnen stimmig die Ergebnisse sind; eins feingliedrig mit Wildblumen am Waldrand, eins monochrom mit Steinen am Ufer. Auch die szenische Methode «Parts Party» öffnet Räume, in denen verschiedene inneren Anteile Gestalt bekommen, etwa durch Figuren aus Märchen, Mythen oder Filmgeschichten. Diese Methode macht die innere Vielfalt der Protagonistin hör- und sichtbar und lädt ein, das eigene «innere Team» wertzuschätzen.
Wenn Vielfalt trägt
Seit wir als SEP-Gruppe unterwegs sind, hat sich unsere Offenheit und die Wertschätzung für die Andersartigkeit der Gruppenmitglieder gesteigert. Von Modul zu Modul verstehen wir besser, worin das Potenzial dieser Vielfalt liegt und wie wir als Gruppe und als Individuen davon profitieren. Jemand singt gerne und bringt dies in die Gruppenkultur ein. Das ermutigt eine andere Person, die Mundharmonika anzustimmen. Jemand traut sich laut und fröhlich zu sein, das ermutigt jemand anderen, sich mal freudig gehen zu lassen. Jemand kommuniziert klar seine Bedürfnisse, das ermutigt jemand anders, es ihr gleichzutun. Die Kochbegeisterten stecken andere an und das Buffet wird phänomenal.
Der Vielfalt begegnen heisst, den Mut zu finden, sich in der eigenen Vielfalt auszuprobieren und zu zeigen. So wird Vielfalt zur gemeinsamen Ressource, die alle bereichert.
