DE

FR

planoalto
planoalto
Führung lernt man draussen

Führung lernt man draussen

Bewährungssituationen als Kompetenzerwerb
Andrea Zuffellato

 

Rezension in: e&l, Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen. Juli 2015

Die Schweiz verfügt nicht nur über wunderbare Schriftsteller, sie hat auch die Welt des Führens und Leitens durch überzeugende Veröffentlichungen bereichert. Die Bücher von Fredmund Malik und Edmond Tondeur (zusammen mit Paula Lotmar) sind wirkliche Klassiker, die nicht nur lesbar geschrieben sind, sondern auch inhaltlich Meilensteine gesetzt haben. Übrigens haben Beide, Fredmund Malik und der leider verstorbene Edmond Tondeur, die Bewegung in der Natur und das Draußensein genossen und deutliche Verbindungen zwischen Natursport und Führungskompetenzen festgestellt.

Das Buch von Andrea Zuffellato darf in diese Reihe der Klassiker gestellt werden, wenngleich im Detail manches zu kritisieren ist. Aber zuerst sollte man loben. Es macht einfach Freude, das Buch in die Hand zu nehmen, und schlägt man es auf, dann steigert sich die Lust am Lesen. Die Gestaltung des Buches, die Grafiken, die anregenden Fragen, sind bestens gelungen, die Gliederung spricht durch ihre Logik und Übersichtlichkeit an, der Schreibstil ist flüssig und verständlich, und im ganzen Buch findet man keine orthografischen Fehler.

Zwei umfangreiche Gliederungspunkte werden mit einer Einleitung und einem Fazit verpackt. Im ersten großen Abschnitt geht es um die Frage, wie soziale Systeme zu führen sind, das zweite Thema dieses Buches sind die vier Wege systemischer Führung. Zunächst werden im ersten Abschnitt „Die vier Bühnen der Führung“ beschrieben: Selbstmanagement, Kooperation, Intervention und Organisation. In der Einleitung zu diesem ersten Kapitel stellt Zuffellato fest, dass „Führung in der Wissensgesellschaft … zum festen Bestandteil geworden (ist).“ (S. 14) Es muss natürlich erst bewiesen werden, ob Führung in früheren Jahrhunderten wirklich weniger wichtig war. Im nächsten Satz wird der Begriff Multioptionsgesellschaft eingeführt. Mit solchen solchen Begrifflichkeiten sollte man sehr vorsichtig umgehen, ebenso mit Aussagen, dass der Mensch nie so weit von Handlungsabläufen und Konsequenzen entfernt war, nie so viele Möglichkeiten hatte, Wissen nie so breit zugänglich war (S.15). Die Gefahr der Verblödung durch Wohlstand und moderne Medien darf man auch nicht unterschätzen. Regelmäßig werden dem Leser am Ende eines Kapitels Fragen (z. B. S. 17) gestellt. Dieser didaktische Kunstgriff ist hervorragend dazu geeignet, die Leserin zum geistigen Austausch mit den Inhalten dieses Buches anzuregen. Immer wieder kommt der Autor – zurecht! – auf zentrale Werte zu sprechen wie „Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit (der Unterschied sollte dem Leser erklärt werden, W. M.), Disziplin, Verantwortungsgefühl…“ als Grundlage erfolgreichen Selbstmanagements. Der Unterschied zwischen „Intervention – Teams und Gruppen führen“ und „Kooperation – andere Individuen führen“ ist marginal. Unter Kooperation ist normalerweise die Zusammenarbeit im Team gemeint. Die Kurzdefinition von Führung: „... mittels Kommunikation zu intervenieren.“ (S. 30) reicht etwas zu kurz, denn Ziele und Erfolg gehören immer zu den Aufgaben von Führen und Leiten und genau deswegen interveniert man und versucht, Prozesse zu steuern. Nach diesem, trotz den kritischen Anmerkungen, inspirierenden Einstieg geht es um die Frage, wie Führungserfahrung entsteht. Man kann Zuffellato nur zustimmen, dass man die geforderten Kompetenzen am besten durch erlebnis- und handlungsorientiertem Lernen gewinnt. Aber so eindeutig, wie der Titel es suggeriert, gewinnt man diese Kompetenzen draußen in der Natur auch nicht. Eine Portion Theorie kann dabei nicht schaden, ist aber nicht so wichtig, wie der „Sirup aus den Erlebnissen, Erkenntnissen, Erfolgen und Misserfolgen“ (S.37). Schleiermacher meint dazu: „Die Dignität der Praxis ist unabhängig von der Theorie; die Praxis wird nur mit der Theorie eine bewußtere.“ Das folgende Beispiel aus der Praxis des Outdoor-Trainings ist spannend und lehrreich – man wünscht sich gleich mehr davon! – , bezieht sich aber eher auf Teamwork als auf Führungskompetenz. Den systemischen Grundhaltungen wie „Zuversicht, Wertschätzung, Ressourcenorientierung, Lösungsfokus, Bescheidenheit“ (S. 49) wird jeder zustimmen. Die viel größere Frage ist schon eher, ob und wie sie in der Organisation gelebt werden. Anschließend werden diese Grundhaltungen ausführlich diskutiert. Bei der „Wertschätzung“ könnte noch die Funktion der „Ermutigung“ ergänzt werden; Zuffellato beschreibt dies mit „ehrliche Komplimente“ (S. 58). Bei diesen Diskussionen wünscht man sich weitere kurze Beispiele aus der Outdoor-Praxis des Autors, die ihm sicherlich reichlich zur Verfügung stehen. Zustimmen muss man dem Autor mit seiner Betonung der „Bescheidenheit“ (S. 70 ff), die bei zu vielen Führungspersönlichkeiten mangelhaft ausgeprägt ist. Man könnte auch an die alte benediktinische Regel erinnern: Demut, Dankbarkeit und Disziplin. Immer wieder freut man sich auf Beispiele aus der Outdoor-Praxis. Wenn dies allerdings mit dem Hinweis auf einen „Performance-Improvement-Plans“ und ein „Survival Retreat“ beginnt (S. 77) sinkt die Lesemotivation deutlich.

Anschließend werden im zweiten Kapitel die „vier Wege systemischer Führung“ beschrieben (S.81 ff). Das ist inhaltlich und grafisch bestens aufgearbeitet. Der Hinweis auf den „Brauch zu den sieben Generationen und die Geister der sieben Generationen“ – laut Überlieferung in Stammesgesellschaften üblich (S. 95) – ist natürlich aus ethnologischer Sicht höchst fragwürdig und hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Die Geschichte des Einhand-Nonstop-Weltumseglers Bernard Moitessier ist beeindruckend und hat viel mit Entscheidungen, aber wenig mit Führung zu tun. Immer wieder trifft man überzeugende Überlegungen: statt von Personalführung spricht der Autor von „Begleiten“ (S. 130). Den weiteren Ausführungen kann man nur zustimmen; sie sind ohne Zweifel eine große Bereicherung zum Thema Führung, und manchmal stapft Zuffellato selbbewusst neben den großen Spuren von Tondeur und Malik.

Im dritten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst. Es folgen die Anmerkungen bzw, Literaturhinweise, die besser im Text nach dem jeweiligen Zitat oder Bezug verortet gewesen wären. Mit dem Verzeichnis der Fachliteratur endet ein ansprechendes Buch, das man gerne liest. Trotz einiger kleiner kritischer Anmerkungen ist Zuffellato ein hervorragender Einblick in die Grundlagen systemischer Führung gelungen.    

Werner Michl